Engagierte Initiativen – einen Steinwurf von Berlin gen Nordosten

Voneinander lernen – miteinander leben.

Diese Neulandgewinnerreise führt Sie von Gerswalde über Böckenberg und Stolzenhagen nach Prädikow und Buckow; sie alle sind in der Nähe von Berlin in der Uckermark, im seen- und waldreichen Oderbruch oder der Märkischen Schweiz gelegen und doch abseits von den touristisch geprägten Ausflugszielen. Bei Ihren Besuchen lernen Sie die Gastgeber*innen und ihre jeweiligen Initiativgruppen kennen, erhalten Einblicke in die Orte und die dort angesiedelten Projekte, erfahren bei Vorträgen von den Strukturen, den vorhandenen Ressourcen und Finanzierungsmöglichkeiten. Fragen, wie man beispielsweise riesige alte Gutshäuser und Anlagen finanziert und saniert, werden erörtert und Methoden an die Hand gegeben. Außerdem geht es um nicht weniger als das Thema der inneren und äußeren Akzeptanz, der Integration in gewachsene Strukturen, den Austausch von Zugezogenen und Alteingesessenen. Kurzum: Sie können hier in Erfahrung bringen, wie man ein Projekt zum Gelingen bringt.

ROUTE Ostbrandenburg

Orte:
(optional mit anderen Orten kombinier-, erweiter- oder kürzbar)

  • Gerswalde
  • Böckenberg
  • Stolzenhagen
  • Prädikow
  • Buckow

 

Dauer der Reise
3 Tage, zurückgelegte Strecke ca. 110km

Fortbewegung 
Mit Mietbus, eigenem PKW oder Rad (nach Absprache). Gerswalde und Buckow können mit dem ÖPNV erreicht werden.Kosten: Etwa 100 Euro pro Tag und Person inklusive Verpflegung und Übernachtung bei den Projekten.

Kosten
Etwa 100 Euro pro Tag und Person inklusive Verpflegung und Übernachtung bei den Projekten


Jan Gerswalde 35 web

Gut eine Stunde entfernt ist Gerswalde ein beliebtes Ausflugsziel für Berliner. Klassische Attraktionen wie Feldsteinkirchen, Gutshäuser und Wasserburgen locken die Reisenden in die wald- und seenreiche Region. Seit Neuestem befindet sich in der Dorfmitte im Café zum Löwen die WERKstube, die auf Initiative des Neulandgewinners Jan Lindenberg und des Vereins Dorfmitte.Productions entstand. Allein die Schreibweise verrät, dass hier eine neue städtische Generation anrückt. Doch Jan möchte keineswegs alte Traditionen beiseite fegen, sondern auf dem Hergebrachten aufsetzen und es mit Neuem verquicken.

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Das betrifft nicht nur die Handwerkskunst, die Jan Lindenberg hier mit seiner digitalen Siebdruckwerkstatt praktiziert. In der WERKstube will er „lokale Traditionen und alte Handwerkskunst mit neuen Techniken und Einflüssen von außen verschmelzen“, sagt er, so dass innovative Recyclingprojekte als Neuauflage traditionellen Gerswalder Handwerks entstehen  ein experimentelles Labor für neue Formen der dörflichen Gestaltung also.

Das Verzahnen könnte man glatt als ein Prinzip von Jan verstehen: Der gelernte Designer, der auch Dozent an der Eberswalder Hochschule ist, möchte nämlich die unterschiedlichen Milieus miteinander verbinden und so dem Vorwurf der Gentrifizierung vorbeugen. Von ihm erfahren wir, warum er Orte der Begegnung schafft wie Café und Werkstatt, wo intensiver Austausch und Kontakte möglich sind. Und wieso er hofft, mittels Kunst, Design und Ernährung einen Weg zu eröffnen zwischen alten und neuen Nachbarn. Denn Jan sieht sich als Vermittler zwischen den Welten, den städtischen Hipsters und den ländlichen Locals. So betreibt er auch eine Informationsplattform zum ländlichen Handwerk und künstlerischen Gestalten und lädt die Zugezogenen ein, Interesse und Neugier mitzubringen, um sich mit Vorgefundenem und Geschichte(n) des Ortes auseinanderzusetzen. So dass eines Tages möglichst „eine starke Allianz der Netzwerke entsteht“, wie er hofft, und aus dem „uns“ und „denen“ ein wir zum WIR wird.


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inter_libken – zwischen den Welten

Rauer Beton, vernähte Wände, rationeller DDR-Look von 1964 und auf eigene Art schön – cool eben. Die Rede ist von der Platte, liebevoll Libken oder Häuschen gerufen, mit Blick auf die uniformen Garagen und Hütten und in die sanft-hügelige Landschaft des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. Nur 80 Einwohner hat das winzige Dorf Böckenberg und ist von ökologisch bewirtschafteten Feldern umgeben. Seit einigen Jahren setzt sich hier eine Künstlergruppe um Neulandgewinnerin Theresa Pommerenke dafür ein, dem abbruchreifen Wohnblock wieder Leben einzuhauchen und die verschiedenen Welten zu verbinden – mit vielfältigen Aktionen und Ideen.

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Verstärkt soll dieser Ort zu einem Denk- und Produktionsort werden – klingt nach einer Menge Kreativität. Diese ist auch gefragt, wenn es darum geht, den viergeschossigen Bau für Bewohnerinnen der Region zu öffnen. „Wir sind keine sich selbst genügende Künstlerblase, sondern an vielfältigen Synergien mit unserem lokalen Umfeld interessiert“, sagt Theresa Pommerenke. Und so arbeiten die gelernte Kulturarbeiterin und ihr selbst ernanntes Kulturteam im inter_libken e. V. auf unterschiedlichen Ebenen: Zum einen veranstalten sie verschiedene Kunstprojekte, Workshops, Symposien und Ausstellungen und empfangen immer mehr Menschen, auch aus dem Ausland. Diese wohnen hier auf Zeit und helfen mit beim Bauen. Auch vergeben sie Stipendien, die die Bereiche Kunst und Umwelt sowie Kulinarik betreffen. Zum anderen ist ihnen wichtig, die Akzeptanz im direkten Umfeld zu erhöhen, so laden sie ein zu Kaffeekränzchen und Klönschnack. Derzeit bauen sie an einer Bibliothek, die die Geschichte des Ortes aufarbeiten soll. Unterhält man sich mit Theresa, erfährt man wichtige Dinge über Alltagseben und Arbeiten in Gemeinschaften mit all seinen impliziten Fragestellungen. Eine wesentliche ist, wie sich ein Projekt die anfängliche Dynamik, das lustvolle Miteinander bewahrt, wenn Organisation und Arbeitsbelastung immer mehr werden. Wie strukturelle Probleme lösen? Eine Aufgabe, an der die Gemeinschaft wächst: Herausfinden, wie der berühmte Teamgeist in die nächste Phase überführt werden kann, so dass der gemeinsame Spirit und die Lust am Machen gewahrt bleiben.


Anja Stolzenhagen CF001449 web

Mitten in den Auen des Naturparks Odertal gelegen, nur anderthalb Stunden von Berlin entfernt, treffen die Reisenden bei Stolzenhagen auf weidende Rinder. Sie gehören zu Neulandgewinnerin Anja Hradetzky und ihrer Familie. Vor einigen Jahren hat die studierte Ökolandwirtin zusammen mit ihrem Mann Janosch begonnen, Milchviehherde, Käserei und Hofladen aufzubauen. „Wir wollen zeigen, wie es anders geht“, sagt sie. Dabei achtet sie das Wesen der Kuh und zeigt allen, die es wissen wollen, wie es anders geht.

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Anjas Hofladen ist eher klein. Wenn andere Jungbäuerinnen und -bauern mit Gemüse, Kartoffeln und Obst zum samstäglichen Bauernmarkt anrücken, bauen sie ihre Stände lieber draußen auf. Doch die Welt dahinter ist groß: Wenn Anja zur Führung einlädt, öffnet sie eine Tür hinten im Laden und gibt den Blick frei in ihre handwerkliche Lebensmittelproduktion. Dort erklärt und zeigt sie, wie aus Milch Joghurt, Quark, Käse und Butter wird. Der modernen durchindustrialisierten, auf Hochleistungseffizienz getrimmten Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion setzen Anja und Janosch ihre eigene Vision von artgerechter Tierhaltung und einem würdigen Umgang mit Mensch, Tier und Natur entgegen. „Zeit zu zweit für Kuh und Kalb“ schreibt sie auf ihrer Internetseite. Was generell mehr Zeit und Aufwand für Ammenkühe und Weidenmelken bedeutet. „Ein Weg, der nicht immer leicht ist, aber erfüllend“, ist Anja überzeugt. Wenn man mit ihr über Weiden zwischen friedlich grasenden Rinder hindurchstreift, kann man etwas davon spüren. Damit nachhaltige Landwirtschaft auch betriebswirtschaftlich tragfähig wird, müssen immer wieder originelle Ideen her. Vom Crowdfunding für die Käserei, bei der 550 Unterstützer mit einer Tonne Käse „bezahlt“ wurden, bis zu ihrem Buch „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Biobäuerin wurde“, mit dem sie auf Lesereise geht. Wenn Anja nicht gerade vorliest oder ihre Kühe versorgt, kommen die Menschen zu ihr. Und können zusammen mit der Kuhflüsterin alle wesentlichen Fragen von alternativer Tierhaltung über nachhaltige Milchproduktion bis zu regionaler Vermarktung in Seminaren erörtern. Denn neue selbstbewusste Wege zu gehen lohnt sich, auch wenn sie steinig sind.


Mission Prädikow –
größenwahnsinnig oder genial?

Fruchtbare Weiden und Felder säumen das Dorf, mitten darin gelegen Hof Prädikow – fast selbst so groß wie ein Dorf. Bestehend aus 15 Gebäuden und Nebengelassen mit Bäckerei, Brennerei und Brauerei, Schmiede und Scheune, verschiedenen Ställen und Speichern gehören zum Vierseitenhof weitere neun Hektar Land. Um ihn wieder zu beleben, brauchte es Mut. Und eine Macherin wie Neulandgewinnerin Julia Paaß, die sich traute, das Projekt Prädikow zu beginnen.

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Eines war ihr klar, als sie 2013 mit ihrer Familie in die Märkische Schweiz zog und diesen Schatz entdeckte: Dass sie ihn niemals alleine, sondern nur zusammen mit anderen Menschen würde wiederbeleben können. Die Idee war, Menschen aus der Großstadt anzulocken, die hier ihren Traum vom gemeinsamen Wohnen und Arbeiten auf dem Lande verwirklichen wollten – so wie sie selber. Menschen der digitalen Welt, die nichts weiter brauchen, als ein Laptop und ein stabiles Netz. Eine der Hauptfragen war, wie die Kluft zwischen Zugezogenen und Alteingesessenen zu überbrücken sei. Denn der lange Jahre leerstehende Hof, wo sich bald 40 Erwachsene mit ihren Kindern im Rahmen eines genossenschaftlichen Wohnprojekts ansiedeln werden, ist für viele Dorfbewohner mit nostalgischen Gefühlen besetzt. War er in Vorwendezeiten doch für viele ihr Arbeitsort. Wie also die entstandene Leerstelle mit Leben füllen, ohne die Gefühle der anderen zu verletzen?
Dorfscheune 2.0 lautete Julias Antwort: Derzeit noch in Renovierung begriffen, soll die Scheune der Ort werden, an dem Alt- und Neu-Prädikower sich treffen, miteinander ins Gespräch kommen und beim gemeinsamen Kochen, Reden, Lachen voneinander erfahren.
Ein Steckenpferd von Julia Paaß ist auch das Netzwerk Zukunftsorte. Hier nun auf Hof Prädikow können Interessierte nicht nur theoretisch darüber nachdenken, wie man einen Ort zukunftsfähig macht und Mitstreiter für ein gewaltiges Projekt findet, sondern ganz praktisch miterleben, wie es allmählich Realität wird. Ein gegen vielerlei Widrigkeiten nicht immer ganz leichtes Unterfangen. Hilfreich ist natürlich ein wenig Visionskraft, wie Julia sie hat.


Fabian Buckow 1 Web

Seit mehr als 150 Jahren ist Buckow am Scharmützelsee ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner – die Perle der Märkischen Schweiz. Früher hat es bekannte Dichter und Komponisten wie Bertold Brecht und Kurt Weill hierhergezogen. Heute sorgen engagierte Bürger*innen vor Ort für Kultur und Diskurs. Zum einen Neulandgewinner Fabian Brauns, der mit dem Verein KulTuS und dem KulTourBus kulturelle und soziale Angebote für Buckow auf die Beine stellt. Und Carolin Schönwald, die mit der BürgerBühne ein neues Mitmach-Format entwickelt hat.

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Im lokal., das von Fabian Brauns und den anderen Macher*innen des Vereins KulTuS betrieben wird, geht es keineswegs nur lokal zu: Denn das Café ist Familiencafé und Begegnungsraum für Geflüchtete in einem. Darüber hinaus finden hier neben Kindernachmittagen und Stammtischjugend, Kulturevents, Konzerte und kulinarische Veranstaltungen mit regionalen Zutaten statt.
Hier kann man auch jene BürgerBühne von und mit Carolin Schönwald erleben. Voller Energie bringt sie spielerisches, spritzig-witziges Improvisationstheater von Bürger*innen für Bürger*innen auf die Bühne: Im Fokus stehen tagesaktuelle, auch politische, zumeist kontrovers diskutierte Themen, die auf der BürgerBühne mit wenigen Regeln und ohne hierarchische Gespräche geführt werden. Auf diese Weise lassen sich unmittelbar das Stimmungsbild der Bevölkerung einfangen und die Ergebnisse im Sinne einer „Transparenz-Freudigkeit“ in die Öffentlichkeit transferieren. A propos Öffentlichkeit und transferieren: Mit Otto, dem Begegnungsbus, hat der Verein einen anmietbaren KulTourBus geschaffen, um die fest umschlossenen Räumlichkeiten des Lokals zu verlassen und kulturelle und soziale Kontakte auch ins märkische Hinterland zu bringen. Der bunt umgebaute Linienbus stellt somit ein mobiles Kulturangebot nicht nur für Kinder und Jugendliche dar. Neben dem Akzent auf Kultur sind faires Gemeinwesen und soziale Teilhabe Leitsätze, die beide Aktive vertreten. So handeln sie gern nach dem Motto: „Wir wollen hier nicht nur wohnen – sondern auch leben.“ Und machen beide Politik in der Region und ermutigen andere, es gemeinsam mit ihnen zu tun – lokal, theatral und auch dezentral.