Meistens erkennt man den Wert von etwas erst, wenn es fehlt. Bevor Katja Thiede im Sommer 2025 für drei Wochen in den Urlaub ging, kamen die Menschen auf sie zu und löcherten sie mit Fragen: Habt ihr jetzt wirklich geschlossen? Wann seid ihr wieder da? Wann öffnet ihr wieder? „Wir sind für viele Menschen ein Fixpunkt in der Woche“, sagt Katja Thiede. „Wenn wir nicht da sind, bricht für einige etwas weg.“
Der Fixpunkt – damit ist der Ping Pong Salon in Neustrelitz im Süden Mecklenburg-Vorpommerns gemeint, der binnen eines Jahres eine steile Karriere gemacht hat. Das Herz des Salons: zwei Tischtennisplatten. Die stellte Katja Thiede zunächst in ein leerstehendes Haus, war auf lokalen Veranstaltungen präsent und lud Menschen ein. Und siehe da: Sie kamen und spielten! Und es wurden immer mehr. „Neben den Platten gibt es einen Raum für Kinder, bei Bedarf mit Betreuung, und einen Bereich, in dem man Brettspiele spielen und Kaffee trinken kann“, so Thiede. „Viele Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind, nutzen das Angebot intensiv.“
Ein Angebot, das für alle da ist, unabhängig von ihrer Lebenssituation oder politischen Ausrichtung. „Mir ist wichtig, dass wir eine offene und wertschätzende Atmosphäre in den Räumen haben, dass wir uns gegenseitig respektieren.“ Natürlich wird Ping Pong gespielt, doch das Spiel ist Magnet für so viel mehr. „Der Salon ist eine Mischung aus Kreativwerkstatt, Begegnungs- und Lernraum mit Wohnzimmeratmosphäre“, beschreibt Katja Thiede. „Ein Raum zum spielerischen Ausprobieren und Diskutieren.“ Ein Ort, an dem soziale Innovationen für die Kommune gedacht und ins Leben gebracht werden können. „Wir wollen zeigen, dass wir alles, was wir machen, auch ganz anders machen können.“ Die Platte bringt nicht nur die Körper, sondern auch die Gedanken in Bewegung.
Die Liste der Veranstaltungen und Ideen ist lang: Neben dem schon etablierten Tischtennis-Turnier „Ping-Pong-Palooza“ einmal im Jahr gibt es zum Beispiel Holz- und Kreativ-Workshops für Kinder, das Erzählcafé „Platte Macchiato“ oder Puzzle-Abende an der Platte. Ein Format „Ping Pong mit…“, bei dem Stadtvertreter:innen oder der Bürgermeister zum Spielen und zum Bürger:innen-Dialog an der Platte eingeladen werden sollen, ist in der Planung. „Wir wollen eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt“, bekräftigt Katja Thiede. Man wolle nicht nur inspirieren, sondern Impulse setzen, die „in konkrete Stadtentwicklungsmaßnahmen“ übersetzt werden, Altes neu denken, ausprobieren, umsetzen.
Ein hoher Anspruch. Doch erfüllbar, schließlich bringt Katja Thiede alles mit, was es dafür braucht: Sie verließ Neustrelitz für 17 Jahre Richtung Berlin, sammelte Erfahrungen und kehrte 2019 zurück. Sie gründete den juggleHUB, einen Coworking-Space mit flexibler Kinderbetreuung – ein Pionier-Projekt und sie war Hauptansprechpartnerin des Regionalbüros der CoWorkLand Genossenschaft. Seit zwölf Jahren arbeitet sie freiberuflich als Autorin und Beraterin mit Fokus auf Content Strategien, insbesondere für kleine Start-ups und Sozialunternehmen. Sie weiß also, wie soziale Räume entstehen und dass sie wachsen können – seit ein paar Wochen denkt sie darüber nach umzuziehen, weil „der Platz langsam knapp wird“.